The New Jazz Group Hannover

Entstehung und Entwicklung

Eine Dokumentation von Gerhard Evertz

Impressum

2018 - Eigenverlag Gerhard Evertz Herausgeber: Gerhard Evertz, Platanenhof 32, 30659 Hannover Layout: Gerhard Evertz Bildbearbeitung und Druckvorstufe: Gerhard Evertz Druck und Bindung: Baumgart - die Print Agentur, Hannover

Bildnachweis: Musiker, Zeitzeugen und Zeitungen/Zeitschriften haben das Bildmaterial kostenlos zur Verfägung gestellt. Sämtliche Bilder und diverse Unterlagen stammen aus dem privaten Archiv von Gerhard Evertz. Es wurde glaubhaft versichert, dass keine weiteren Rechtsinhaber vorhanden sind. Sofern bekannt, werden der Leihgeber bzw. Urheber genannt. Vervielfältigungsrechte aller Art nur mit Genehmigung des Herausgebers. Hinweis: Alle Angaben erfolgen ohne jegliche Verpflichtung und Garantie des Herausgebers. Das hier vorliegende Manuskript ist die Endfassung. Bisher entdeckte Fehler werden vorerst nicht korrigiert. Zusätze und Streichungen sind nicht geplant.

Vorwort

In dem Buch Die Stasi swingt nicht schrieb Siegfried Schmidt-Joos auf Seite 288 unter der Überschrift: „Warum Professor Adorno Jazzmusik nicht ausstehen konnte“ (…) Im Juniheft 1953 des in Stuttgart erscheinenden „Merkur“ („Zeitschrift für europäisches Denken“) hatte der Frankfurter Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno unter dem Titel Jazz -Zeitlose Mode“ einen Generalangriff auf diese Musik veröffentlicht, auf die Berendt (Joachim-Ernst Berendt-Jazzpapst und Publizist) in der Septemberausgabe umgehend reagierte. Adorno sprach dem Jazz jeglichen Kunstcharakter ab und degradierte ihn kurzerhand zum reinen Produkt der „Kulturindustrie“ Seine Kernsätze: „Jazz ist Musik, die bei simpelster melodischer, metrischer und formaler Struktur prinzipiell den musikalischen Verlauf aus gleichsam störenden Synkopen zusammenfügt, ohne dass je an die sture Einheit des Grundrhythmus gerührt würde (...). Jazz ist eine Manier der Interpretation. Wie bei Moden geht es um Aufmachung und nicht um die Sache; leichte Musik, die ödesten Produkte der Schlagerindustrie werden frisiert, nicht etwa Jazz als solcher komponiert (...). Was im Jazz überhaupt vorkommen darf, ist so beschränkt wie irgendein besonderer Schnitt von Kleidern. Angesichts der Fülle von Möglichkeiten, musikalisches Material selbst in der Unterhaltungssphäre zu erfinden und zu behandeln, zeigt der Jazz sich völlig verarmt.“ Adorno hatte leider keinen richtigen Zugang zum Jazz. Von daher seine unmögliche Sicht. „ . . . zeigt der Jazz sich völlig verarmt“. Wie arm ist Adorno? Er hatte keine Ahnung. Dagegen hatte Arthur Honegger eine ganz andere Sichtweise: „Es ist interessant, festzustellen, dass -nachdem man klassische Werke und insbesondere die symphonischen von Beethoven angehört hat - gewisse Jazzstücke viel raffinierter zu sein scheinen, sowohl vom orchestralen wie vom harmonischen Standpunkt aus gesehen; so viel raffinierter, dass man versucht sein könnte zu glauben, der Jazz sei die echte Musik.“

Einführung

So fing alles an: Recherchieren, Sammeln, Archivieren, Veröffentlichen Ein Musiker-Treffen der damaligen - 1950er- und 1960er Jazz-Szene im Fora- Hotel, Hannover am 10. April 1997.

Der Anstoß, eine derartige Zusammenkunft zu veranstalten kam u. a. aus dem Kreis der damaligen Jazz-Musiker, angeregt durch das Buch Ein Club macht Jazz - 25 Jahre Jazzclub Hannover aus 1991, das ich im Auftrag für den Club herausgegeben habe und die Ausstellung 1995 im Historischen Museum Hannover zur Jazz-Geschichte in Hannover. Die Einladung zu diesem Treffen habe ich ausgesprochen, nachdem ich durch einen nicht unbeträchtlichen Zeitaufwand Adressen und Telefonnummern herausgefunden habe. Nun von ca. 45 angesprochenen Musikern trafen sich leider nur 26 mit ihren Ehefrauen oder Lebenspartnern im Fora-Hotel. Es fehlten in dieser Runde Bernd Rabe, er hatte eine musikalische Verpflichtung und Heinz Kitschenberg war in der Zeit mit seiner Ursula in Frankreich. Heinz Both und Karl Blume waren mit ihren Frauen dabei, worüber ich mich ganz besonders gefreut habe. Es waren schöne Stunden des Wiedersehens und eine große Freude über die „alten Zeiten“ intensiv und lebhaft zu plaudern.

Im Übrigen gab diese Veranstaltung den Anstoß, den Zeitraum der 1950er und 1960er Jahre intensiver auszuleuchten und in Wort und Bild festzuhalten, da im Rahmen der oben genannten Ausstellung ein sehr wichtiger Teil der Jazzgeschichte nach dem 2. Weltkrieg bis zur Gründung des Jazz Club Hannover in 1966 fehlte. Den so genannten Einstieg in die Gespräche versuchte ich durch einen Vortrag unserer gemeinsamen Zeit in und um Hannover und darüber hinaus anzuregen.

Wer erinnert sich noch an die Veranstaltungen im Alten Rathaus, im Funkhaus Hannover, an das tabu? Wer erinnert sich noch an die regionalen und überregionalen Jazz-Festivals? Wann wurde der hot club hannover gegründet? Wer kennt noch seine Mitgliedsnummer vom hch? Wer kennt noch die Gagen? Diese und viele weitere Fragen gaben Anlass zu gemeinsamen Gesprächen. Auch brachten einige ihre Fotoalben und Presseberichte, mit und ohne Fotos, mit.

Somit konnte der eine oder andere Ergänzendes für die intensiv geführten Gespräche beitragen. Die Bereitschaft an einem Buch-Projekt mitzuwirken wurde von allen signalisiert, indem man mir dokumentarische Unterlagen gab. Von daher war der Einladende gefordert, aber auch motiviert aus dem noch anfänglich geringen Umfang an Dokumenten durch weitergehende Recherchen das Ergebnis an Beiträgen, Bildmaterial, Namen der Musiker, Veröffentlichungen und Tondokumente, etc. zu verbessern. Von vielen Musiker liegen mir nun eine Vielzahl an wichtigen Unterlagen für die, wie gesagt, fehlende Zeit vor. Leider fehlen in mehreren Fällen die genauen zeitlichen Angaben und insbesondere bei Pressenotizen der Hinweis auf den Zeitungstitel. Ich habe mich bemüht die fehlenden Angaben in eine zeitliche Abfolge zu bringen, in der Hoffnung, dass es mir gelungen ist. Eine derartige Zusammenstellung kann nie komplett sein. So ist über viele Jahre ein ansehnliches Archiv angewachsen daraus ich auch für diese Dokumentation schöpfen konnte. Es war insgesamt ein gelungenes Treffen.

Kennengelernt habe ich die >New Jazz Group Hannover< in den 1950er Jahren durch die gemeinsamen Auftritte, wenn Helmut Perschke aus welche Gründe auch immer nicht verfügbar war oder mit unserer Band >Starlight Swingtet<, in der Besetzung: Jürgen Ehlers am Piano, Bernd Fischer, Altsaxophon und Klarinette, Jürgen Sprotte an der Gitarre, Karl-Friedrich Hintz, oder Addi Adler sowie Hermann Mahr am Bass und ich an den Drums, u. a. im Rahmen der Veranstaltungen „Jazz in Theorie und Praxis“. Eine Veranstaltungsreihe initiiert von unserem Präsidenten des Hot Club Hannover (hch), Dr. Schulz-Köhn.

Er war der Auffassung, dass für die breite Masse – auch für die Presse – der Jazz ein- und dasselbe sei, gleich, ob das Konzert vom hch oder irgend welchen „wilden“ Veranstaltern aufgezogen wurde. Der Club wollte damit nicht verwechselt werden und ganz besonders der Präsident legte Wert auf einen guten Kontakt mit der Presse, der Grammophon-Gesellschaft und dem Funkhaus Hannover, zumal in der damaligen Zeit der Jazz allgemein noch sehr negativ beurteilt wurde. Das war auch den Presseberichten bzw. Kritiken zu entnehmen und in Veranstaltungen zu erleben, die oft mit Radau endeten. Er wollte keine „wilden Veranstaltungen“ inszenieren. Im Gegenteil, so seine Worte: “Wir distanzieren uns von den „Jitterbugs und Ringelsöckchen-Fans“, die im Jazz eine Sportart sehen. Alle unsere Konzerte sind mit Erläuterungen versehen – in der Art eines Volkshochschulvortrags mit praktischen Beispielen“. Die Konzerte „Jazz in Theorie und Praxis“ waren bekannt dafür und genossen in Hannover einen guten Ruf.

Eine weitere Veranstaltungsreihe waren die Studio Jazz-Konzerte, ebenfalls eine Einrichtung von unserem Dr. Jazz. Das erste Konzert dieser Reihe fand in der damaligen Musikakademie Hannover im Lister Turm statt. Die New Jazz Group und das Starlight Swingtet waren dabei. Es war ein gewagtes Unterfangen für uns und für Dr. Schulz-Köhn, da wir vor Dozenten und Studenten der klassischen Musik überzeugen mussten. Es wurde für uns ein unerwarteter Erfolg. Die Presse berichtete.

Der Verdienst von Dr. Schulz-Köhn für den Jazz in unserer Stadt ist unbestritten. Seine Liebe zur Musik, insbesondere zum Jazz machten ihn zum Mentor und Motor für den hannoverschen hot club. Seine beruflichen Erfahrungen, seine publizistische Arbeit auf dem Gebiet des Jazz und seine Tätigkeit bei der „Telefunken-Platte“, bei der Grammophon-Gesellschaft sowie am Rundfunk ermöglichten ihm den Jazz in überzeugender Weise einen nicht unbedeutenden Platz in der Kultur-Szene Hannovers zu verschaffen. Und das vor dem Hintergrund einer noch schwierigen Zeit im Nachkriegsdeutschland.

Sein strenges Qualitätsdenken und seine Reglementierung, was die Musikalität und den Einsatz der Musiker betraf (Der Präsident war im übrigen für alle Konzerte des hch und die daran beteiligten Musiker und Combos zuständig), hatte auch insbesondere für den Kreis der Amateurmusiker Nachteile. Die Auftrittsmöglichkeiten für Amateurmusiker bei den hch-Veranstaltungen wurden allgemein hoch eingeschätzt, da sie im Bewusstsein des Publikums einen besonderen Stellenwert eingenommen hatten und von der Presse stets beachtet wurden. Mit dieser kleinen Dokumentation möchte ich drei Musiker besonders erwähnen. Es sind jene drei Ausnahmemusiker Bernd Rabe, Heinz Kitschenberg und Karl Blume. die ich im weiteren Verlauf vorstellen werde. Die Vielschichtigkeit des Schaffens der Musiker kann sich in diesem Buch leider nur auf eine vom Autor getroffene Auswahl beschränken. Dafür bitte ich um Ihr Verständnis.

Sicherlich wird Ihnen das eine oder andere Ereignis, aber auch der eine oder andere Musikername bekannt vorkommen und könnte in diesem Buch fehlen. Bei den geschildernden Anlässen können sich Fehler eingeschlichen haben. Aber auch Dokumente sind möglicherweise nicht berücksichtigt worden. Das beruht zum einen auf eine nicht vorhandene Fundstelle und darauf, dass dieses Buch nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen - zeithistorischen Dokumentation erhebt, und einen gewissen Umfang nicht überschreiten sollte. Es gibt zurzeit keine Publikation mit dem Anspruch einer umfassenden Darstellung über die New Jazz Group Hannover. Über ihr musikalisches Wirken. Diese Dokumentation soll einmal mehr die kulturelle Bedeutung des Jazz am Beispiel der Band und ihrer Musiker verdeutlichen, die in den 1950er Jahren in unserer Stadt die Jazz-Szene bereichert haben. Unter dem Titel „Jazz made in Hannover“ schrieb Michael Gehrke 1973 in der Zeitschrift „Hannoversches Leben“ über die vielfältigen Aktivitäten in der hannoverschen Jazz-Szene. Sein Artikel beschreibt den Standort Hannover als bedeutende Schallplattenproduktion durch die Deutsche Grammophon, u.a. für den Jazz mit dem Schallplatten-Label „Brunswick“ bis hin zu den vielen Musikern, ob Amateure oder Profis, die nach dem Kriege und bis vor 1973 in Hannover auftraten. Er schrieb unter anderem: „Auch die in Hannover ansässigen oder gewesenen Jazzkapellen (…) haben zum guten Ruf Hannovers als Jazzstadt beigetragen. (…) Im Jahre 1955 gab es einen kleinen Höhepunkt in der Geschichte der Jazzplatte und des Jazz in Hannover. Zum ersten Mal wurden deutsche Jazzmusiker mit Amerikanern auf eine Platte gepresst. Der Zufall wollte es, dass es sich ausgerechnet um die Club Combo des Hot Club Hannover handelte, nämlich der New Jazz Group Hannover. So hatte damals schon in gewisser Weise Hannover in Bezug auf den Jazz im Allgemeinen und dem deutschen Jazz im besonderen Anteil und Einfluss, wie dies direkt keine andere Stadt in der Bundesrepublik aufzuweisen hatte. Aber nicht nur auf der Schallplatte hatte sich Hannover seinerzeit schon einen Namen im Jazz gemacht, sondern die ersten Jazzbands, wie eben die schon genannte New Jazz Group Hannover oder das Starlight Swingtet, haben Anfang der 50er Jahre in der Aula der Hochschule für Musik und Theater Jazzkonzerte gegeben und spielten bald auch in anderen Städten. Die New Jazz Group Hannover zählte bald zu Deutschlands führender Jazz-Combo. Eine bekannte hannoversche Konzertdirektion begann zu gleicher Zeit, berühmte amerikanische Musiker nach Hannover in die großen Konzertsäle zu holen, und bald gaben sich Hannover auch Jazzbands aus anderen Städten ein Stelldichein“.

Viele Begegnungen mit der New Jazz Group Hannover, mit dem Starlight Swingtet 1954, mit dem Autor am Schlagzeug in den Folgejahren, wenn der Schlagzeuger der NJGH Helmut Perschke ausfiel oder ein anderes lukratives Geschäft wahrnahm. So konnte ich mit der Hannover All Stars am 10. 03. 1955 im Alten Rathaus in Hannover auftreten. Am 10. März 1955 fand im Alten Rathaus das 2. Studio-Jazz-Konzert des hch statt mit den „Hannover All Stars“ in der Besetzung: Ted Arbenz (vib), Eberhard Pommerenke (b), Bernd Rabe (as, cl), Manfred Hübler (p) und Gerhard Evertz (dr). Als zweite Band folgte die „Spree City Stompers“ aus Berlin mit folgender Besetzung: Werner Geisler (tp), Hans-Wolf Schneider (tb), Poldi Klein (cl), Eckhard Schmidt (p), Wolfgang Laade (b), Thomas Keck (dr) und Toby Fichelscher (voc).

Ein Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Fritz Schulz-Reichel am Piano in einer Trio-Besetzung mit Eberhard Pommerenke am Bass und Gerhard Evertz am Schlagzeug.

Nicht minder begeistert war das Publikum über die Titel 20 bis 28 der „Hannover All Stars“. Die zwei letzten Titel brachten die Jazz-Fan-Seelen zum Kochen. An einen anderen Auftritt mit der NJGH erinnere ich mich sehr gut. Wir fuhren zur Faschingszeit nach Düsseldorf in das dortige große Stadion. Eberhard Pommerenke fuhr den roten VW-Bus. Dort angekommen fanden wir eine bereits in Stimmung befindliche Menschenansammlung, vermutlich überwiegend Fußball-Fans, vor. Hier zeigte sich einmal mehr die Proffesionalität von Bernd Rabe, Heinz Kitschenberg und Gerd Mann, um auf einer Faschingsfete die richtige Musik darzubieten. Es hat mit großem Applaus für uns geklappt. Auf der nächtlichen Rückfahrt steuerten wir noch eine Lokalität an, wo unter anderem Hans Podehl am Schlagzeug spielte. Er bediente dort eine riesengroße Bassdrum sehr laut im Viervierteltakt. In Hannover erlebte ich ihn dann mit der Jutta Hipp Combo, in Vertretung von Karl Sanner. Es war eine unglückliche Entscheidung. Hipp war bereits im Absprung nach New York.

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